Datenjournalismus: Es geht auch einfach

Datenjournalismus schreckt viele Reporter und Redakteure ab: zu kompliziert, zu aufwändig. Doch es geht auch einfach – mit den richtigen Tools und Techniken.

Nicht nur das Wort klingt sperrig: Tabellenkalkulationsprogramm. Sie zu erlernen, erfordert Zeit und Geduld. Für Journalisten, die lediglich ihre Recherchen um die Suche in Daten erweitern wollen, sind Programme wie Excel oder Google Spreadsheet zu mächtig. Ein Zwei-Tage-Kurs hinterlässt oft die Erkenntnis: Mit Datenjournalismus lassen sich viele tolle Geschichten ausgraben – wenn man nur die Software richtig beherrschen würde. Ohne einen  Trainer an der Seite folgt der anfänglichen Euphorie schnell die große Enttäuschung.

90 Prozent der Arbeit: Sortieren und Filtern

Es geht auch einfacher. Derek Willis, Datenjournalist der New York Times, hat festgestellt: 90 Prozent der Arbeit besteht aus Sortieren und Filtern. Mit dem Sortieren von Datensätzen lassen sich Ranglisten erstellen (am häufigsten/ am seltensten). Beim Filtern werden Datenbereiche zusammengefasst und ausgewertet (Zahl der Schüler, die mit der Note 2 das Abitur bestanden haben).

Sortieren und Filtern: Das sind die Kernaufgaben eines Datenjournalisten. Und dafür benötigt er kein kompliziertes Tabellenkalkulationsprogramm. Ich verwende bei meinen Seminaren zur Datenanalyse Google Fusion Tables (GFT) – eine kostenlose Software, die deutlich einfacher zu bedienen ist. Sie funktioniert wie eine Datenbank. Es geht weniger um das Berechnen neuer Zahlen, sondern um Sortieren und Filtern – also exakt jene Funktionen, die Journalisten benötigen.

Sogar Analyse-Tools inklusive

Dennoch bietet Fusion Tables noch viel mehr. Es können Summen oder Durchschnitte berechnet werden sowie eigene Werte (wie das Verhältnis Straftaten zu Polizisten, Schüler zu Lehrer etc.). Der Clou: Selbst einfache Analyse-Methoden (wie „Drill Down“ oder „Nearest Neighbor“) können schnell umgesetzt werden. Mit „Drill Down“ kann man ermitteln, welche Faktoren sich positiv oder negativ auswirken können (etwa die Anzahl der Lehrer auf das Niveau der Noten). „Nearest Neighbor“ ermöglicht Prognosen.

Der Journalist, der Google Fusion Tables erlernt hat, kann damit auch Grafiken erstellen, Karten anlegen und publizieren. Kurzum: GFT (siehe hier) ist eine Art Schweizer Taschenmesser für Journalisten, die im redaktionellen Alltag schnell checken wollen, ob ein Datensatz eine Geschichte birgt.

Daten reinigen mit Open Refine

Eine Funktionalität bietet GFT aber nur sehr rudimentär: das Reinigen von Daten. Wer Datensätze bearbeiten muss, in denen viele verschiedene Schreibweisen und Abkürzungen für denselben Begriff verwendet wurden, stößt bei GFT schnell an Grenzen. In diesem Punkt bietet ein Spreadsheet-Programm viel mehr Möglichkeiten; wie üblich aber mit komplizierten Funktionen, die Anfänger überfordern. Eine wunderbare Alternative ist eine ebenfalls kostenlose Software: Open Refine (siehe hier). Mit ihr lassen sich Daten sehr gut reinigen. Die Basisfunktionen können per Klick aufgerufen werden.

Google Fusion Tables und Open Refine bieten einen einfachen Einstieg in den Datenjournalismus. Erst wer diese beiden Tools ausgereizt hat und an deren Grenzen stößt, sollte sich der Mühe unterziehen und ein Spreadsheet-Programm lernen.

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